Mal eine andere Perspektive

Stellt Euch vor, die Sonne kitzelt Euch am Morgen die Nase und beim Erwachen stellt Ihr fest, dass Ihr auf eine Größe von 40 Zentimetern geschrumpft seid. Also noch kleiner seid als unsere Verwandten Homo floresiensis, die immerhin eine Größe von so 100 cm hatten.

Wie erlebt Ihr dann die Welt an diesem Tag … ?

Utopien: Chuang-Tzus Philosophie des Taoismus nimmt den Individual- Anarchismus vorweg (China -3. – -4. Jh.)


Chuang-Tzu (-369 bis ca. – 286) entwickelte nach Rothbard die Ideen Laotses zu der darin angelegten Konsequenz, dem Individual Anarchismus weiter. Seine Ideen verbreiteten sich weit und König Wei wollte ihn zum obersten Minister machen (31). „Chuang Tzu’s scornful rejection of the king’s offer is one of the great declarations in history on the evils underlying the trappings of state power.“ (32) Er wies damit auch den Lohn von 10 Unzen Gold zurück (33).
Er formulierte als erster eine Grundüberzeugung, die anti-staatlich ist: „Good order results spontaneously when things are let alone.“ (34) Auch beschrieb er die Nähe von einem Dieb, der ins Gefängnis geworfen wird und dem großen Räuber, der Staatschef wird (35).
Dem setzt Chuang-Tzu das Leben der einfachen Menschen gegenüber: „The common people have a constant nature; they spin and are clothed, till and are fed – it is what may be called their ‚natural freedom‘.“ (36)
Hsi-K‘ang (223 bis 262) forderte die Gleichgültigkeit gegenüber den Anreizen des Privateigentums und der Macht, weil Ruhm und Stellung der Tugend der Weisen schaden. Er wurde wegen seiner anarchistischen Gesinnung hingerichtet (37).
In einem fiktiven Gespräch zwischen den Taoisten Ko Hung (284 bis 363) und Pao Ching- Yen (405 – 466) erklärte letzterer, dass die Aufteilung in feste Rangordnung und das Anlegen von Schätzen durch Machtgier und Gewinnsucht die ursprüngliche freie und gleiche Gesellschaft zerstört und den Krieg gebracht haben. Deshalb erklärte er sich für eine Revolution gegen diese falsche Ordnung (38). Pao Ching-Yen veröffentlichte auch eine Studie zur politischen Psychologie, in der er erklärt, wie die institutionelle Gewalt des Staates Gewalt zwischen den Menschen nach sich zieht. Waffen, Plünderungen, Raub und Diebstahl kann es, so Pao Ching-Yen ohne Herrschaft nicht geben (39).

siehe unter Texte, aus: Die Befreiung vom Geld und Eigentum … und warum das noch lange nicht reicht, Band 3

Novemberpogrom

„Gegen den Faschismus, anti-fascisti, so positionierten sich die ersten italienischen Widerständler 1921 zu Mussolinis Partito Nazionale Fascista.

Als später in Deutschland Synagogen brannten, war solch offener Widerstand kaum noch möglich. Der Pfarrer Julius von Jan war so einer, der es wagte, sein Entsetzen über die Pogrome zu bekunden. Daraufhin holten ihn SA und SS und schlugen ihn beinahe tot. Die Schreckensnacht markierte den Übergang von der Diskriminierung von Juden hin zur offenen und oft geduldeten Gewalt, die schließlich im Holocaust mündete.

Die Gewalt ist wieder da

Wenn diese Gewalt jemals wirklich überwunden war, dann lässt dieses Jahr spätestens keine Zweifel daran, dass sie wieder da ist. Erst im August überfielen Vermummte ein jüdisches Restaurant in Chemnitz – einer von etlichen antisemitischen Vorfällen, die 2018 bekannt wurden. 80 Jahre nach den Pogromen müsste es gerade jetzt eine Selbstverständlichkeit sein, sich zum Antifaschismus zu bekennen. Stattdessen wird das Bekenntnis gemieden und selbst im linken Spektrum oft nur kleinlaut gebeichtet. Wer sich heute Antifaschist nennt, läuft Gefahr, sich politisch zu delegitimieren. Zu schwach die Erinnerung an gebrandschatzte Synagogen, zu stark die Erinnerung an gebrandschatzte Autos.

Nach den Ausschreitungen zum G20-Protest forderte ein Zusammenschluss von AfD-Politikern gar das Verbot „der Antifa“ als Terrororganisation, wohl im Glauben, es handele um einen Verein mit Geschäftsführung und Spendenkasse. Hartnäckig verbreiten Rechte in- und außerhalb der AfD weiterhin den Mythos, antifaschistische Gruppierungen würden ernsthaft von der Bundesregierung fürs Protestieren bezahlt.

Was für eine fatale, gewollte Skandalisierung von Antifaschismus! Und sie funktioniert: Nicht erst seit der AfD möchte kaum jemand mit dem Schmuddelkind zu tun haben. Antifa, das klingt nach schäbigen Jugendzentren, nach Vermummung und Gewalt. Bei ehemaligen DDR-Bürgern klingelt womöglich noch das euphemistische Mantra vom „antifaschistischen Schutzwall“ unangenehm im Ohr. In höheren Amt und Alter dürfen noch Holocaustüberlebende und NS-Widerständler sich aus historischen Gründen so nennen. Brave Staatsbürger sind lieber mild „gegen Rechts“ oder noch wässriger „für Toleranz“.“

https://www.freitag.de/autoren/konstantin-nowotny/warum-es-normal-sein-sollte-1

Novemberrevolution

Die Menschen haben Hunger und sie wollen Frieden. Am 7. November 1918 beginnt die bayerische Revolution mit einer riesigen Friedenskundgebung auf der Theresienwiese in München. An verschiedenen Stellen sprechen bis zu zwölf Redner gleichzeitig. Die SPD nimmt an dieser Massenveranstaltung nur unter der Bedingung teil, dass im Anschluss keine Aktionen stattfinden. Der SPD-Vorsitzende Erhard Auer und weitere Gemäßigte versuchen die Massen mit dem Hinweis auf kommende Reformen zu beruhigen. Es wird bekannt, dass in Kiel die Matrosen gemeutert haben. Kurt Eisner von der USPD und seine Genossen wollen die sozialistische Räterepublik und nachdem Auer die Demonstration für beendet erklärt und verlässt, folgen die Massen Eisner und Ludwig Gandorfer, ein linker Vertreter des Bayerischen Bauernbundes, durch die Stadt Richtung Kasernen. Die Soldaten schließen sich der Revolution an. Die königliche Familie flieht und die Wittelsbacher Monarchie ist am Ende. Die Menschen in der Stadt sind erfüllt von revolutionärer Euphorie. Am 8. November proklamiert der Arbeiter- und Soldatenrat die Bayerische Republik.
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Kauf-nix-Tag: 1. Dezember 2018


Am ersten Advents-Samstag (in den USA am Freitag davor) ist der internationale Buy Nothing Aktionstag.
Der Kauf-nix-Tag wurde in den frühen 1990ern durch das kanadische Kollektiv Adbusters (Bild: Adbusters-Plakat 2013) gestartet und ist zu einem internationalen Event gewachsen, das überall auf der Welt begangen wird.

Fawzi Ibrahim: „Heute steht die Menschheit vor einer klaren Wahl: rettet den Planeten und werft den Kapitalismus weg, oder rettet den Kapitalismus und werft den Planeten weg.“

Buy Nothing Day ist ein konsum-kritischer Tag, der umweltschädliche und menschenverachtende Herstellungsbedingungen, und ausbeuterische Produktions- und Handelsstrategien internationaler Konzerne und Finanzgruppen thematisiert.

Wenn Ihr Ideen für eine Aktion habt, dann kontaktiert den Umsonstladen und wir können gemeinsam planen.

Hassprediger: Martin Luther, ein Mann der Obrigkeit

Bremen hat einen neuen Feiertag, den Reformationstag. Nicht arbeiten müssen, ist zwar immer gut, aber Luther sollte keineswegs gefeiert werden. Seine Schriften zeugen von fanatischem Judenhass, seine Menschenfeindlichkeit galt auch Frauen, behinderten Kindern und dem Pöbel. Dagegen hielt er viel von der Obrigkeit, nur halt nichts von Päpste und Co. Martin Luther ist also ein Mann der Herrschenden, der Tyrannen.

„Es ist eine verdammte, verfluchte Sache mit dem tollen Pöbel. Niemand kann ihn so gut regieren wie die Tyrannen. Die sind der Knüppel, der dem Hund an den Hals gebunden wird. Könnten sie auf bessere Art regieren, würde Gott auch eine andere Ordnung über sie gesetzt haben als das Schwert und die Tyrannen. Das Schwert zeigt deutlich an, was für Kinder es unter sich hat, nämlich nichts als verdammte Schurken, wenn sie es zu tun wagten. Darum rate ich, dass ein jeder, der hier mit einem guten Gewissen handeln und das Rechte tun will, mit der weltlichen Obrigkeit zufrieden sei und sich nicht an ihr vergreife.“ (Martin Luther, Ob Kriegsleute in seligem Stande sein können, 1526, zit. nach: Glaubensstimme a.a.O., S.9, in: http://hassprediger-luther.de/luther-und-die-obrigkeit/)

Aus der Broschüre der Giordano Bruno Stiftung: Volksheld, Antisemit, Hassprediger:

Aus Luthers Buch „Von den Juden und ihren Lügen“ stammt die ursprüngliche Vorlage für den Leitspruch des national-sozialistischen Hetzblattes „Der Stürmer“:
„Die Juden sind unser Unglück!“
Dessen Herausgeber Julius Streicher verteidigte sich 1946 im Nürnberger Prozess:
„Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank, wenn dieses Buch von der Anklagevertretung in Betracht gezogen würde. In dem Buch ‚Die Juden und ihre Lügen‘ schreibt Dr. Martin Luther, die Juden seien ein Schlangengezücht. Man solle ihre Synagogen niederbrennen, man solle sie vernichten.“

„Es ist ein arm Ding um ein Weib. Die größte Ehre, die das Weib hat, ist, dass wir allzumal durch die Weiber geboren werden.“
M. Luther: Von der Ehe, Gesamtausgabe von Johann Georg Walch, 1734,
22. Band, Kap. 43, §16

„Stirbst du im Kindbett, stirbst du eigentlich im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Und wärst du kein Weib, solltest du es dir wünschen und so köstlich nach Gottes Willen Not leiden und sterben, denn Gott hat dich mit dieser Not geschaffen.“
M. Luther: Weimarer Ausgabe, Bd. 10/2, 1907, S. 296

„Wenn man aber von den teufelsähnlichen Kindern erzählt, von denen ich einige gesehen habe, so halte ich dafür, dass sie entweder vom Teufel entstellt, aber nicht von ihm gezeugt sind, oder dass es wahre Teufel sind.“
Opera exegetica, Erlanger Ausgabe, II., S. 127

„Drum soll hier erschlagen, würgen, stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und daran denken, dass nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann als ein aufrührerischer Mensch. So wie man einen tollen Hund totschlagen muss.“
M. Luther: Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern,
1525

https://www.giordano-bruno-stiftung.de/sites/gbs/files/download/2017luther-broschuere-web.pdf

Umzug: Ølhafen

Die Wagencrew Ølhafen schreibt:

Nach gescheiterten Verhandlungsversuchen mit der aktuellen Besitzerin (Aurelis) und den zukünftigen Besitzern (Peper&Sohn), ist nun klar, dass unsere Fläche bei der alten Unruh Spedition ab dem 1. November geräumt werden soll. Wir haben entschieden es nicht dazu kommen zu lassen, sondern unser drittes besetztes Gelände zu verlassen.

Stattdessen haben wir ein Angebot für eine vorübergehende Ausweichfläche von offizieller Seite angenommen. Doch einen Tag vor der drohenden Räumung stellte sich dieses Angebot als Luftschloss heraus.

Und mal wieder ist es an uns eine geeignete Fläche zu finden und zu beleben.

Wir freuen uns diese in der Überseestadt, hinter dem Kellogs-Gelände gefunden zu haben. Das Grundstück liegt seit Jahrzehnten brach und es ist nicht absehbar, dass sich daran etwas ändern wird.

Mit einer Träne im Auge verlassen wir deswegen die Neustadt, wo wir von verschiedensten Seiten sehr viel Unterstützung erhalten haben und ziehen ans Wasser.

Wir freuen uns ganz doll über Besuch und über Leute, die Lust haben hier Veranstaltungen zu machen.

Demokratie: Wahlen in Brasilien

Jair Bolsonaro wird Brasiliens neuer Präsident. Auf der Siegerseite stehen dadurch Militär, Rechtsextremismus, christlicher Fundamentalismus, Kapital, Gewalt und Hass. 55 Prozent der gültigen Stimmen wurden für ihn abgegeben. Damit sind 45 Prozent der Stimmen bedeutungslos. So funktioniert Demokratie, sie schafft Gewinner und Verlierer. Die Mehrheit herrscht, aber natürlich nicht die der Wähler und Wählerinnen, sondern ihre paar Repräsentanten. Und sie können ihre Repräsentanten noch nicht einmal abwählen. Aufgabe der Repräsentanten ist es nicht, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen, sondern die Interessen der Besitzenden zu wahren, andernfalls ist ihre Karriere kurz.

Der Wirtschaft auf dem ganzen Globus ist es egal, mit und in welcher Regierungsform sie am besten Geschäfte machen kann, Hauptsache der Profit stimmt. Demokratie wird von den Reichen und Mächtigen auch nur akzeptiert, wenn sie in erster Linie ihrem Gott, dem Geld, dient.

„Deutsche Wirtschaftskreise geben sich mit Blick auf den künftigen brasilianischen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro hoffnungsfroh und verweisen dazu auf das Wirtschaftsprogramm seines Superministers in spe, Paulo Guedes. Guedes wirkte zur Zeit des Militärregimes von Augusto Pinochet als Dozent an der Universidad de Chile; seine Pläne ähneln der Wirtschaftspolitik der chilenischen Militärdiktatur. Bolsonaro, der sich seit rund einem Jahr von Guedes beraten lässt, wird von der brasilianischen Wirtschaft bejubelt, nicht zuletzt vom brasilianischen Partnerverband des BDI, der Confederação Nacional da Indústria (CNI), in der deutsche Unternehmen eine starke Stellung innehaben. Deutsche Konzerne hatten bereits mit der brasilianischen Militärdiktatur kooperiert. Bolsonaros Sieg versetzt der Politik einer vorsichtigen Umverteilung zugunsten verarmter Bevölkerungsschichten den Todesstoß, für die die Präsidenten Lula da Silva und Rousseff standen und die im Kern schon mit dem kalten Putsch vom Mai 2016 beendet wurde – unter dem Beifall deutscher Unternehmer.
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Herrschaftsfreiheit statt Demokratie

Die Vorstellung, Demokratie als Organisationsform zur Überwindung von Herrschaft (170) anzusehen, können wir nicht teilen. „Es gibt keine ‚herrschaftssichere‘ Form institutioneller Demokratie.“ (171) Anschlussfähigkeit geht bei solchen Vorstellungen vor Analyse. Der Libertäre George Woodcock teilt einerseits den Optimismus der ‚Echte Demokratie jetzt‘ Bewegung, bringt andererseits auch den Widerspruch von Demokratie zur Herrschaftsfreiheit auf den Punkt: „Wahre Demokratie kann nicht in einer Gesellschaft des Zwangs existieren. Doch auch wo Demokratie möglich ist, werden Anarchist*innen sie nicht unterstützen, denn sie betrachtet den Willen der Mehrheit als oberstes Gebot.“ (172) Der Rätekommunist Gorter formulierte es so: Das „Brechen mit der … Demokratie bedeutet im Keime schon die … Revolution“ (173).
Eine Gesellschaft, die weder Geld noch Eigentum kennt, die auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet ist, kann also keine demokratische sein (174). Der positive Bezug auf Demokratie wird allerdings heutzutage fast nie hinterfragt. Basisdemokratie oder Direkte Demokratie sollen Demokratie verbessern. Die einzigen Alternativen scheinen Diktatur und Monarchie zu sein. Das Ergebnis von Demokratiekritik darf aber nicht dazu führen, zu noch herrschaftsförmigeren Ordnungen zurückzukehren.
Demokratien lassen die historischen Erinnerungen und aktuellen Erfahrungen an emanzipatorische Ansätze einer die Menschen selbst befreienden Gesellschaftsstruktur verschwinden. Sie drängen diese bewusst an den Rand der Wahrnehmbarkeit. Das sagt weit mehr über den autoritären Charakter von Demokratie aus, als über diese verdrängten Ansätze, ihr Potential und ihre Grenzen.
Eine Gesellschaft ohne Geld und Eigentum können wir uns nur als eine solidarische, respektvolle und kommunikative vorstellen. Die Menschen werden ihre Bedürfnisse und die gesellschaftliche Re_Produktion gemeinsam in Konsensprozessen organisieren.

siehe unter Texte, aus: Die Befreiung vom Geld und Eigentum … und warum das noch lange nicht reicht, Band 2

Repariert nicht, was euch kaputt macht!

Gegen das bürgerliche Dasein – für das gute Leben!

Streifzüge-Redaktion

1.

Durch die Politik können keine Alternativen geschaffen werden. Sie dient nicht der Entfaltung unserer Möglichkeiten und Fähigkeiten, sondern in ihr nehmen wir bloß die Interessen unserer Rollen in der bestehenden Ordnung wahr. Politik ist ein bürgerliches Programm. Sie ist stets eine auf Staat und Markt bezogene Haltung und Handlung. Sie moderiert die Gesellschaft, ihr Medium ist das Geld. Sie folgt ähnlichen Regeln wie der Markt. Hier wie dort steht Werbung im Mittelpunkt, hier wie dort geht es um Verwertung und ihre Bedingungen.

Das moderne bürgerliche Exemplar hat die Zwänge von Wert und Geld völlig aufgesogen, kann sich selbst ohne diese gar nicht mehr vorstellen. Es beherrscht sich wahrlich selbst, Herr und Knecht treffen sich im selben Körper. Demokratie meint nicht mehr als die Selbstbeherrschung der sozialen Rollenträger. Da wir sowohl gegen die Herrschaft als auch gegen das Volk sind, warum sollen wir ausgerechnet für die Volksherrschaft sein?

Für die Demokratie zu sein, das ist der totalitäre Konsens, das kollektive Bekenntnis unserer Zeit. Sie ist Berufungsinstanz und Lösungsmittel in einem. Demokratie wird als ultimatives Resultat der Geschichte verstanden, das nur noch verbessert werden kann, hinter dem aber nichts mehr kommen soll. Die Demokratie ist Teil des Regimes von Geld und Wert, Staat und Nation, Kapital und Arbeit. Das Wort ist leer, alles kann in diesen Fetisch hineingegeistert werden.

Das politische System gerät selbst mehr und mehr aus den Fugen. Dabei handelt es sich nicht bloß um eine Krise von Parteien und Politikern, sondern um eine Erosion des Politischen in all seinen Aspekten. Muss Politik sein? Aber woher denn und vor allem wohin denn? Keine Politik ist möglich! Antipolitik heißt, dass Menschen sich gegen ihre sozialen Zwangsrollen aktivieren.
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Wahlfreiheit

‚Ich hab nicht gewählt‘, sagt das Känguru.
‚Darfste nicht?‘, frage ich.
‚Ich darf nicht und ich will nicht‘, sagt das Känguru.
‚Du willst nicht?‘, frage ich.
‚Ja. Weil das gar keine Wahl ist‘, sagt das Känguru.
‚Das ist nämlich nur ein Demokratietrugbild, eine Abstimmungsattrappe, eine Volksherrschafts Fata Morgana. Kurz gesagt: nur der Schein einer Wahl, oder, um den offiziellen Terminus zu verwenden: ein Wahlschein.‘
‚Ein Wahlschein?‘, frage ich.
‚Das ist, als ob du in den Supermarkt gehst und da wählen kannst zwischen der Tütensuppe von Maggi und der Tütensuppe von Knorr, aber in Wirklichkeit ist alles Nestlé. Der Wahlschein suggeriert Freiheit, aber in Wirklichkeit sage ich dir: Alles Kapitalismus, alles Nestlé, …“

Marc-Uwe KLING: Die Känguru-Chroniken (Orig. 2009; 2010)

Bemerkenswert ist was passiert, wenn der angebliche Souverän, das Volk, falsch wählt. Dazu einige Beispiele.
Die Hamas im Gaza-Streifen wurde demokratisch gewählt. Bei der Wahl im Januar 2006 erschien sie den Menschen als Hoffnung und Alternative zur korrupten PLO. Als demokratisch gewählt wurde die Hamas aber im Westen nie anerkannt. Zu Leiden haben die Menschen seit dieser Wahl einerseits durch die brutalen, militärischen und ökonomischen (Re-)Aktionen Israels und andererseits unter dem gewählten autoritären Regime.
In der Ukraine brachten im Dezember 2004 massive Wahlfälschungen zunächst den geplanten Wahlsieg des autoritären post-kommunistischen Regimes. Die Leute aber hatten die Schnauze voll. Die von extrem vielfältigen Akteuren getragene Orangene Revolution (von Anarch*as über Neoliberale bis zu Nationalist*innen) zwang das autoritäre post-kommunistische Regime zu Neuwahlen. Die Neoliberalen wurden gewählt. Der Westen feierte dies als Sieg der Demokratie. Korruption und die sozialen Folgen der neoliberalen Politik ließen den Stern von Wiktor Juschtschenko und Julija Timoschenko rasch sinken. Ihre Abwahl 2009 wurde als Niederlage der Demokratie kommentiert. Eine Folge dieser falschen Wahlentscheidung der Ukrainer*innen war die politisch motivierte Anklage gegen und Verurteilung von Julija Timoschenko. Der Westen reaktivierte alte Freund-Feindbilder und drohte im Mai 2012 mit politischem Boykott der Fußball-Europameisterschaft.
Immerhin: Verglichen mit manchen falschen Wahlentscheidungen aus Zeiten der Ost-West-Blockkonfrontation ist die Reaktion der demokratischen Regime heute moderat. Das bekannteste Extrembeispiel ist sicherlich der mit massiver Hilfe der USA durchgeführte Pinochet-Putsch 1973 nach dem Wahlsieg des linken Sozialdemokraten Allende in Chile. Auch hier hatte der Souverän falsch gewählt – und das auch noch im Hinterhof der USA. Ähnlich in Nicaragua. Nach dem Sieg der Gueriller*as gegen den Diktator Somoza wählten die Nicaraguaner*innen die Falschen. Die USA organisierten und finanzierten über die Grenze hinweg einen jahrelangen Bürger*innenkrieg, bis die Nicaraguaner*innen endlich die richtigen, rechten Parteien wählten.
Aber auch in den demokratischen Staaten Europas sieht es grundsätzlich nicht anders aus (36). (mehr…)

Staatsgewalt: Diktaturen können noch was von der deutschen Polizei lernen

„Nach Informationen von REPORT MAINZ will die Bundesregierung an dem umstrittenen Ausbildungsprojekt der Bundespolizei in Saudi-Arabien festhalten. Seit 2009 sind Beamte der Bundespolizei in Saudi-Arabien im Einsatz, um das Königreich bei der Modernisierung seines Grenzschutzes zu unterstützen. Die deutschen Beamten trainieren saudische Sicherheitskräfte in grenzpolizeilichen Taktiken. Seit Beginn des Projektes im Jahre 2009 werden von Jahr zu Jahr mehr deutsche Beamte eingesetzt. Ihre Zahl wuchs von 14 Beamten 2009 auf zuletzt 70 Beamte im Jahr 2018. Seit Reporter des ARD-Politikmagazins FAKT das Projekt 2011 aufgedeckt hatten, war der Einsatz der Bundesbeamten in Saudi-Arabien umstritten. Die Bundespolizisten bilden saudische Sicherheitskräfte nicht nur in Passangelegenheiten aus, sondern unterrichteten auch Einsatztaktiken, die zur Aufstandsbekämpfung eingesetzt werden können…

Seit Jahren geht das saudische Regime gewaltsam gegen Oppositionelle und regimekritische Demonstranten vor. Die Menschenrechtslage in dem Land gilt als katastrophal. Die Bundesrepublik hat keinerlei Einfluss auf den Einsatz der von ihnen ausgebildeten Sicherheitskräfte.

Die Mission der Bundespolizei ist Teil eines milliardenschweren Rüstungsdeals des deutsch-französischen Konzerns Airbus, früher EADS-Cassidian, mit Saudi-Arabien. Der Konzern errichtet eine Grenzsicherungsanlage rund um den Wüstenstaat. Abgewickelt wird das Projekt von Airbus und der GiZ, der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit. Die ersten sechs Jahre waren die eingesetzten deutschen Beamten noch der saudischen Rechtsprechung, der Scharia, unterworfen.“

https://www.swr.de/report/presse/bundesregierung-haelt-an-polizeieinsatz-in-saudi-arabien-fest/-/id=1197424/did=22716894/nid=1197424/12tqlte/index.html

Frieden schaffen mit Waffen

Am heutigen Donnerstag startet in Norwegen nahe der russischen Grenze das NATO-Manöver »Trident Juncture« mit 50.000 Soldatinnen und Soldaten. Die BundesWehr macht mit rund 10.000 Soldatinnen und Soldaten das zweitgrößte Truppenkontingent aus. Der Militärhaushalt der NATO-Staaten ist 14-mal höher als der der Russischen Föderation.

Die Bundeswehr sei die „größte Friedensbewegung Deutschlands“, meinte 2004 Verteidigungsminister Peter Struck (SPD).
„Die Bundeswehr versteht sich als ein Teil der Friedensbewegung“, erklärte 2013 Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU).
Verteidigungsministerin von der Leyen (CDU) versicherte den Nato-Partnern im Baltikum: „Greift Russland sie an, stehen wir an ihrer Seite.“
Straßen, Brücken, Schienenverbindungen in Europa sind für schnelle Truppentransporte gen Osten teils völlig ungeeignet. Die EU-Kommission möchte 6,5 Milliarden Euro in panzertaugliche Verkehrswege investieren.

„Wir wollen mit unserer Außenpolitik und die Waffenexportpolitik ist da ein wichtiges Element, wir wollen damit Frieden, Stabilität und Menschenrechte befördern.“, sagte der für Rüstungsexporte zuständige Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

De Moker – radikale Jugendbewegung (Niederlande 1923 – 1928): Arbeit

Die Gruppe ‚De Moker‘ wurde 1923 von Aktiven des ‚Frije Jeugd Verbond‘ gegründet. Sie formulierten eine radikale Arbeits- und Kapitalismuskritik. Nach der Auflösung der Gruppe blieben viele aktiv in den anarchistischen, antimilitaristischen und Freidenker Bewegungen. Viele von ihnen beteiligten sich an dem Widerstand der Partisan*innen gegen die Nazis während des 2. Weltkriegs, versteckten Jüd*innen oder führten Sabotage-Akte aus.

Herman Schuurman:
„Arbeit ist die grosse Verdammnis. Arbeit macht geist- und seelenlos. Um für dich arbeiten zu lassen, musst du charakterlos sein. Um zu arbeiten, musst du auch charakterlos sein; du musst kriechen und mogeln, verraten, betrügen und fälschen. […] Nicht zu arbeiten bedeutet dann meistens, dass man zum Parasit der Genossen wird, welche arbeiten. Kannst du für deinen Unterhalt – wie es anständige Menschen nennen – mit Raub und Diebstahl aufkommen, ohne dich von einem Chef ausbeuten zu lassen, gut – tue es, aber glaube nicht, dass damit das grosse Problem gelöst sein wird. Arbeit ist eine soziale Qual. Die Gesellschaft ist lebensfeindlich und nur durch die Vernichtung dieser und nachfolgender Arbeitstiergemeinschaften – das heisst durch Revolution nach Revolution – wird die Arbeit verschwinden. Dann erst kommt das Leben – das volle reiche Leben. […] Dann gibt es keine Arbeitszeit, keinen Arbeitsplatz, keine Arbeitslose und Arbeitlose mehr. […] Alle Arbeit ist verbrecherisch. Arbeit ist Beihilfe zum Profitmachen und Ausbeuten; Beihilfe zu Fälschung, Betrug, Vergiftung; Beihilfe zur Kriegsvorbereitung; Beihilfe zum Mord der gesamten Menschheit.“

Utopien: Widerständige Niederlande, 13. Jh.

Das gute Leben:

Wapenen Martijn

„Zwei Worte unser Erdendasein
allein beherrschen: ‚Mein‘ und ‚Dein‘
Tät man sie in Acht und Bann,
Eintracht, Frieden würden bleiben,
Alle wären frei und niemand eigen,
Sowohl die Frau als auch der Mann!
Gemeingut wären Korn und Wein!
Und überm Meere und am Rhein
stirbt keiner schlimmen Todes dann!“



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