Frauendorf Jinwar

Jinwar ist ein ökologisches Frauendorf, das in der Nähe der Kleinstadt Dirbesiyê entstanden ist. Inmitten des syrischen Bürgerkriegs verfolgt Jinwar das Ziel, einen alternativen, friedlichen Ort für Frauen zu schaffen, an welchem sie frei von jeglicher Gewalt zusammen leben können. Das Dorf wurde auf dem Prinzip der Selbstversorgung gegründet, um Frauen die Möglichkeit zu geben, für ihre eigenen Grundbedürfnisse aufzukommen. Von Frauen für Frauen aufgebaut, soll das Dorf in Nordsyrien Frauen aller Kulturen und Religionen sowie ihren Kindern ein Zuhause bieten.

Es ist eines der vielen Projekte, die durch Erdoğans Angriffskrieg bedroht sind. Eine der Frauen, die von Anfang an am Aufbau von Jinwar beteiligt waren, ist die Internationalistin Nûjin, die seit zwei Jahren in Rojava ist.

Als ich von der Idee des Frauendorfes gehört habe, war ich fasziniert. Auch in Deutschland haben wir schon viel versucht, wurden aber immer wieder auf dieselben Fehler zurückgeworfen. Wir haben nicht den Schritt in eine nachhaltige Praxis geschafft, keine Schritte unternommen, die über unsere Denkgebäude und Alltagspolitik hinausgehen. Schon länger hatte ich darüber nachgedacht, eine Zeitlang nach Rojava zu gehen. Hier wird trotz aller Widersprüche so viel verwirklicht, verbunden mit großer gesellschaftlicher Kraft.

Die Bauarbeiten dauerten knapp zwei Jahre. Natürlich kommen mit jeder Frau, die hierherkommt, auch neue Ideen, die umgesetzt werden. Bisher gibt es 30 Wohnhäuser mit jeweils zwei bis fünf Zimmern, eine Schule, die Jinwar-Akademie, eine Bäckerei, einen Laden, das Gesundheitszentrum und die Gemeinschaftsküche. Der Dorfladen wird als Kooperative organisiert. Abgesehen davon hat Jinwar auch noch Schafe, Hühner, einen großen Stall für die Tiere und ein Wasserbecken gebaut, das auch als Schwimmbad dienen kann. Das Land ist ehemaliges Regimeland, es gibt genug Land, so dass die Frauen sich selbst versorgen können.

Natürlich gab es auch viele Fragen. Zum Beispiel wurden wir gefragt, ob wir wollen, dass alle Frauen ohne Männer leben. Das Ziel ist nicht, dass alle Frauen so leben sollen, aber für einige ist das der logische Schritt. Zum Beispiel für Frauen, deren Ehemänner gefallen sind, das haben dann auch konservative Menschen verstanden. Das Schöne an Jinwar ist ja, dass hier unterschiedliche Frauen zusammenkommen und kommunale Lebensformen weiterentwickelt werden, die dann auch wieder andere Teile der Gesellschaft inspirieren können. Nicht als Insel, sondern immer im Austausch, als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung. Was die Menschen dann am allermeisten überzeugt hat, war die ganze Atmosphäre hier. Sie ist respektvoll und kommunal. Viele, die am Anfang skeptisch waren, wollten später gar nicht mehr weg.

Schritt für Schritt wurde auch eine gemeinsame Grundlage entwickelt und der Dorfrat aufgebaut. Es musste eine gemeinsame Form gefunden werden, das kollektive Leben und Arbeiten zu organisieren. Es wurden Seminare zum Thema Jineolojî durchgeführt, nicht als abstrakt vermittelte Ideenwelt, sondern auf der Grundlage der Gemeinsamkeit von Theorie und Praxis. Oft geht es dabei um sehr Dorf-nahe Themen wie beispielsweise die Weitergabe von Wissen über Naturmedizin.

Von Anfang an sind auch Frauen von feministischen Bewegungen aus aller Welt hierhergekommen. Es gab gemeinsame Diskussionen und viele haben Inspiration von hier mitgenommen. Dieses Dorf kann ein Modell sein, aktuell diskutiert die Frauenbewegung tatsächlich schon über ein weiteres Dorf bei Kobanê.

aus: https://anfdeutsch.com/frauen/sollen-alle-frauen-ohne-maenner-leben-8604